The Elephant in The Room: Wenn ein Kultfilm zum Männerkult mutiert

Der vielleicht schlechteste Film aller Zeiten, im vielleicht schönsten Kino von Paris: Dass “The Room” selbst 15 Jahre nach seiner Premiere in L.A. noch für ausverkaufte Sääle sorgt, zeugt vom Kultstatus, den Tommy Wiseaus Drama The Room heute auf der ganzen Welt genießt. Der Citizen Kane unter den Trash-Perlen ist derzeit wegen James Francos Komödie The Disaster Artist wieder in aller Munde, einer Verfilmung des Making Of-Buches, in dem Greg Sostero – einer der Darsteller von The Room und der beste Freund dessen Regisseurs – seine Erfahrungen in irrwitzigen Anekdoten niedergeschrieben hat. Und so kam es, dass Tommy Wiseau und Greg Sostero sich die Ehre gaben, und Le Grand Rex im Herzen von Paris mit Buch und Film im Gepäck einen Besuch abstatteten.

Facebook, Le Grand Rex Paris

Als blutiger Anfänger, was das The Room-Fantum betrifft, muss ich mich bereits am Eingang zu  erkennen geben, als eine Mitarbeiterin des Kinos mir und meiner Begleitung zwei Plastiklöffel in die Hand drückt. Erst später erfahre ich, dass es eine Art Regelbuch für Kult-Screenings wie dieses gibt. Die Löffel, eine Anspielung auf ein Detail, das einem zweimaligen The Room-Schauer wie mir nicht einmal aufgefallen ist, sollen die Gäste im passenden Moment auf die Leinwand schmettern. Amüsiert nehmen wir also mit unseren Plastiklöffeln Platz auf der Empore. Es war genau die Art harmloser Spaß, der bei einer Vorführung des Magnum Opus aller filmischen Katastrophen zu erwarten war. Wären doch nur Plastiklöffel auf mich und meine Begleiterin eingeregnet.

Zur Erinnerung: The Room ist ein schlechter Film, basierend auf einem schlechten Drehbuch. Durch Wiseaus Geschichte, in der viele Zuschauer autobiografische Elemente vermuten, torkelt unbeholfen eine Gruppe Charaktere, die sogar einer Schar fliegender Plastiklöffel an Charakterzügen noch unterlegen sind. Hauptfigur Johnny (Wiseau) ist ein allseits beliebter Banker, der nur beliebt ist, weil es im Drehbuch steht. Sein bester Freund Mark (Sostero), der junge Denny, sogar die Blumenverkäuferin und der Hund auf ihrer Theke existieren nur, um zu beteuern, was für ein toller Mensch – und hingebungsvoller Freund – Johnny ist. Doch die Beziehung zu seiner Freundin Lisa, verkörpert von Juliette Danielle, ist das Herzstück des Dramas. Denn Lisa ist eine gefühllose Schl***e.

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Tommy Wiseau, Greg Sostero und eine ganze Menge Lisas im Hintergrund. (Facebook, Le Grand Rex Paris)

The Room, so heißt es in einem oft bemühten Vergleich, ist das Ergebnis, wenn Aliens ohne jegliches Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen versuchen, irdische Seifenopern nachzuahmen. Die Versatzstücke von Konflikt, Intrige und Heldenreise lassen sich erkennen, was aber fehlt ist das, was Menschen erst menschlich und einen Typus zu einem echten Charakter macht: Motivation. Dementsprechend ist die Figur der Antagonistin Lisa, geschrieben vom Alien Wiseau, eine Kombination aus Femme-Fatale und den wirren Frauenvorstellungen des Drehbuchautors. Sie betrügt ihn aus purer Langeweile, noch dazu mit seinem besten Freund Mark, denkt aber gar nicht erst daran, Schluss zu machen – schließlich sorgt Johnny für sie. Dass ihre Mutter ihr ihre Erkrankung an Brustkrebs offenbart, scheint sie kaum zu interessieren: Sie ist egoistisch, eingebildet, sexsütchtig und das komplette Gegenteil zum loyalen Johnny. Lisa ist grauenvoll – weil Tommy Wiseau sie dazu verbannt hat, grauenvoll zu sein. Und eigentlich ist das ja auch Teil des Spaßes.

Zuschauer von The Room wissen nämlich, worauf sie sich einlassen. Als im Grand Rex Buh-Rufe ertönten, als Johnnys hinterlistige Freundin zum ersten Mal auf der Leindwand erscheint, waren weder ich, noch meine Begleiterin – die den Film noch nie zuvor gesehen hatte – überrascht. Vielleicht haben wir sogar mitgebuht, immerhin verstehen wir im Publikum ja den Witz: Was wir eigentlich belächeln, ist die Absurdität des Drehbuches, die bodenlose Peinlichkeit, dass Schablonen wie das Miststück von einer Freundin aufrichtig als Charaktere eines Dramas präsentiert werden, das sich selbst überaus ernst nimmt, oder das zumindest tat, als es gedreht wurde. Doch nach und nach beschlichen uns Zweifel, ob dieser Inside-Joke auch beim Rest des Publikums angekommen war.

Grand_Rex_Grand_Salle
Facebook, Le Grand Rex Paris

Die ständigen Buh-Rufe waren so laut, dass die kunstvoll-grausamen Dialoge in Szenen mit der verhassten Femme-Fatale kaum hörbar waren. Das war doppelt ärgerlich: Hatten wir doch erwartet, in großem Kreise über die Schlechtigkeit des Filmes zu lachen, konnten wir ein wesentliches Element dieser Schlechtigkeit nun nur erahnen (oder den französischen Untertiteln entnehmen). Macht es wirklich mehr Spaß, sich die Seele aus dem Leib zu buhen, als über meisterliche Konversationen wie die Folgende zu lachen?

Lisa: Do you want me to order a pizza?
Johnny: Whatever, I don’t care.
Lisa: I already ordered a pizza.
Johnny: You think about everything, ha ha ha.

Noch ärgerlicher war jedoch, dass sich die Angst bestätigte, dass die immer prolliger wirkende, in großem Maße angetrunkene Zuschauerschaft eine Art Katharsis erlebte. Endlich gibt es einen Safe Space, in dem Männer unter dem Deckmantel von Kult und Satire wie früher über die dummen Nut**n lästern können, ohne dafür Konsequenzen spüren zu müssen. Statt Wiseaus verqueres Frauen- und Menschenbild zu verspotten, klopfen sie ihm auf die Schulter, weil er es mit mehr Glück als Verstand geschafft hat, Jahrzehnte des Fortschritts auszuhebeln, und eine Art von offenem Sexismus wieder salonfähig machen, die man bei der schrullig-cinephilen Zielgruppe von The Room eigentlich kaum erwartet.

Wenn sich der nette Johnny am Ende die Kugel gibt, fühlt Mann sich bestätigt: Nice guys finish last. Frauen sind eben Schlampen. Wer weiß, wie viel von dieser Einstellung nur dem Spektakel geschuldet ist, und im Grand Rex mit dem Ende der Credits von The Room wieder verpufft. Anyway, how’s your sex life?

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