METROPOLOVE: Die Stadt und das Lieben

Das Gehen stirbt. Die älteste Art der Fortbewegung hat im Kampf gegen schnellere, kraftsparendere und mit ihren schädlichen Ausstößen den Planeten vernichtende Konkurrenz ihre Vormachtstellung verloren. Wir haben das Gehen wegkonstruiert mit unseren Autos, Metros, Trams und Fahrrädern. Doch der langsame Tod markiert mehr als nur das Ende eines veralteten Transportmittels. Im Gehen pflegt der Mensch eine innige Beziehung zwischen Körper und Geist, und diese Beziehung geht mit dem Gehen zu Grunde – aber nicht überall. Denn in den Städten, da geht man noch.

Wer in der Stadt geht, geht aber nicht einfach. Großstädter flanieren. Als Walter Benjamin im Pariser Poeten Charles Baudelaire den ersten Flaneur entdeckte, hatte das vermeintlich ziellose, urbane Umherstreifen endlich einen Namen. Nur vermeintlich ziellos ist diese meditative Art des Einen-Fuß-vor-den-anderen-Setzens, denn auch wer flaniert, befindet sich auf dem Weg nach Punkt B. Jener ist jedoch auf keiner Karte zu finden, und wann man ihn erreicht, kann selbst die neueste GPS-Technologie nicht kalkulieren: Wer flaniert, sucht nach Bedeutung und Leben in jedem Winkel seiner Stadt, ein Flaneur strebt nach Erleuchtung. Doch auf dem Weg dorthin verliebt man sich nicht nur in Straßen, sondern auch in die Menschen, die darauf wandeln. In Städten, wo sich Tag für Tag die Wege von Millionen von Sinnsuchenden überschneiden, ist die Liebe aufregender, gewagter, intensiver, aber auch schnelllebiger, zerbrechlicher und weniger verlässlich.

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Gustave Caillebotte. Paris Street, Rainy Day, 1877. Art Institute of Chicago.

In Shanghai, unter den Leuchtreklamen der Nanjing Road, schlendern selbst nach Mitternacht noch mehr Menschen über die roten Asphaltfliesen, als manch preisgekrönte Main Street einer amerikanischen Kleinstadt einen ganzen Sommermonat lang verbuchen kann. Pariser Cafes ermöglichen ihren Gästen mit nach außen gerichteten Stuhlreihen in den im Winter sogar beheizten Außenbereichen das Beobachten der vorbeistreifenden Städtebummler, so als müsse man Pariser Flaneure sogar in Momenten der Rast an ihre eigentliche Bestimmung erinnern. Begünstigt durch diese Umstände treffen sich in Städten die Blicke und kreuzen sich die Wege der Rastenden und Umherstreifenden, wie die Laufbahnen von Gewehrkugeln in chaotischen Kriegsgefechten. Und aus den unzähligen Treffern, deren überwältigende Mehrheit wie ein Wimpernschlag in der Bedeutungslosigkeit verloren geht, gedeiht hin und wieder eine Beziehung. Zwei Menschen finden sich inmitten des Chaos, sie verlieben sich. Sie finden ineinander Schutz vor den Gefahren und Verlockungen ihrer Umgebung, bis sie sich eines Tages Hand in Hand in die Sesshaftigkeit begeben. Und wenn sie nicht geschieden sind, dann sitzen sie noch heute.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass sie sich eine Weile lieben und gemeinsam niederlassen, bis eines Tages einer von ihnen, vielleicht sogar alle beide, beschließen, ihr Glück aufs Neue zu versuchen, aufzustehen und weiterzugehen. Wenn man sich in Shanghai, Paris, Berlin oder New York nach mehr oder auch nur etwas Anderem sehnt, fängt die mühsam zusammengekleisterte Fassade der glücklichen Zweisamkeit schnell an zu bröckeln, bis das verlockende Netzwerk an Blicken, Spuren und Begegnungen wieder frei liegt. Vielleicht ist es sogar die Verlockung des immer gedrängten Weges selbst, die eine Suche nach Sesshaftigkeit sabotiert. Hat man diesen Zyklus oft genug durchlebt, kommt man irgendwann nicht mehr umhin, sich zu wundern: Warum ist die ewige Sesshaftigkeit, gerade jene, die eine monogame Treue zu einem bestenfalls andersgeschlechtlichen Partner voraussetzt, noch immer die Lebensart, die uns von reaktionären Politikern und progressiven Hollywood-Köpfen gleichermaßen als ultimatives Ziel im Leben vorgegaukelt wird? Warum übertragen wir noch immer puritanische Kleinstadtromantik auf ein urbanes Leben, das die menschliche Natur mit seinen Verlockungen offenlegt und Lebensarten fördert, die nach und nach an Akzeptanz gewinnen?

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Lost in Translation. Sofia Coppola. Universal, 2003.

Großstädte sind die Front eines kulturellen Krieges um das Recht, anders lieben zu dürfen. Ihre Straßen sind gefüllt mit Flanierenden, die auf ihren Wegen nicht nur unzählige Verbindungen knüpfen, sondern jene gleichzeitig immerzu hinterfragen, in ihre Grundbestandteile zerlegen und anders wieder zusammensetzen. Jede Straßenecke könnte an jeder Minute jeden Tages Geburtsort einer in ihrer Form einzigartigen Liebe sein, die sich nur zwischen diesen beiden Menschen an ganz gewissen Punkten in deren Leben entwickeln kann und sich nie wieder reproduzieren lässt. Ist es nun fair, dass die Gesellschaft von einem verlangt, die Suche nach diesen Verbindungen aufzugeben, sobald sie ein einziges Mal von bleibendem Erfolg gekrönt ist? Wäre man nicht viel verrückter, dieses Gefühl künftig sich selbst und allen potenziell Liebenden und Geliebten für immer vorzuenthalten? Die Liebe ist keine begrenzte Ressource wie das Erdöl, mit dem wir rund um den Globus das Gehen auslöschen, die Suche nach ihr muss demnach kein Nullsummenspiel sein. Wir selbst haben sie in eine Form gepresst, die ihr nicht länger bekommt, und die Konturen unserer romantischen Lebensweisen an diese Form angepasst. Nun, da jene sich im Wandel befindet, nutzen sich auch diese Konturen ab. Aus Verwirrung und Schmerz wächst Veränderung – und die Flanierenden in den Weltmetropolen sind die Ersten, die die Konsequenzen dieser Evolution spüren.

Das Gehen stirbt, wo noch traditionell geliebt wird. Diese Liebe stirbt, wo Menschen den Wert des baudelairschen Gehens noch verstehen. So qualvoll und widerspenstig diese Liebe aber auch verendet, ihr Verschwinden räumt den Platz für etwas Neues frei. Urbane Freidenker und Städtebummler stehen in der vordersten Reihe einer polyamourösen Revolution, auf die Liebende und Gelehrte der Liebe in der Zukunft zurückblicken werden wie Anthropologen auf den Übergang vom Nomadentum zur ackerbauenden Sesshaftigkeit. Dabei gibt es für konservativ liebende keinen Grund zum Bangen: So wenig es die motorisierte Fortbewegung geschafft hat, das Gehen vollständig zu verdrängen, so wenig müssen sich monogame Romantiker fürchten, dass ihre exklusive Art der Liebe ausstirbt. Wie so oft wird sich die Kluft zwischen Stadt und Nicht-Stadt vergrößern, Moralpaniken werden folgen und anders liebende Städter wird man als Sündiger bezichtigen wie einst die Einwohner von Sodom und Gomorra. Das Bild der Salzsäule als ultimatives Symbol der Sesshaftigkeit im Nacken, werden jene jedoch den Teufel tun und ängstlich darauf zurückblicken, wie früher einmal geliebt wurde.

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