Der Rubikon-Hot Take zum Parkland-Amoklauf: Ein bisschen Moralpanik und ein Hauch Verschwörungstheorien

Wenn das unabhängige Online-Magazin Rubikon unter der Rubrik “Tiefer Staat” über das jüngste Schulmassaker in Florida berichtet, liegt die Erwartungshaltung an ihre Analyse der Vorgänge irgendwo zwischen dem verschwörerischen Wahnsinn eines Alex Jones und der prinzipientreuen Machtkritik eines Noam Chomsky. Eine Einstimmung in den amerikanischen Mainstream-Konsens der Trump-Kritik und die Forderung nach stärkeren Waffengesetzen wäre dem Rubikon schließlich keinen Artikel wert, doch das Massaker schon jetzt als ‘False Flag’-Operation abzutun wäre selbst für Jens Wernickes Anti-Propaganda-Blatt zu viel des Guten.

Dass Autor Rudolf Hänsel seine Leser dann ausgerechnet mit einem Exkurs in die erzkonservative Moralpanik einlullt, ehe er ihnen halbherzig falsche Flaggen um die Ohren haut – als gäbe es beim Rubikon dafür redaktionelle Vorgaben – überrascht umso mehr (Leser wie mich jedenfalls, die mit Hänsels bisherigem Werk nicht vertraut sind).

Wer die zunehmende Jugendgewalt erklären möchte, so Hänsel, muss die Schuld bei den Medien suchen. Vor allem die “gewalthaltigen Computer- und Videospiele” sind ihm ein Dorn im Auge:

Es ist belegt, dass die immer brutaleren TV- und Gewaltspielprodukte entscheidend zur Entstehung von Kinder- und Jugenddelinquenz und zum Anstieg der Jugendgewalt beitragen.”

Den Beleg bleibt er uns vorerst schuldig, einige Quellen liefert er immerhin später.

Begriff ‘Killerspiel’: Ist jedes Spiel, in dem man tötet, ein Killerspiel – und welche finanziert das Pentagon? (Bild: Uncharted 4/ Naughty Dog)

Keine Quelle hingegen nennt er für seine nächste Behauptung: Killerspiele, die Kinder moralisch verrohen lassen, werden nämlich in Kooperation mit dem Pentagon produziert. Dabei grenzt er weder die ‘Killerspiele’ ein, noch präzisiert er die Verwicklung des Pentagons in die Entwicklung seines vagen Feindbildes:

Gewalthaltige Video- und Computerspiele („Killerspiele“) werden der Jugend weltweit seit Anfang der 1990er-Jahre von der milliardenschweren Games-Industrie als Unterhaltungsgewalt und ultimativer „Spiele-Spaß“ angepriesen. Produziert werden sie in Kooperation mit dem Pentagon.”

Derart schlampig dürfen Journalisten auch nur argumentieren, wenn es um Videospiele geht. Welche Spiele werden in Kooperation mit dem Pentagon produziert? Ach ja, Killerspiele. Und welche Spiele schließt der Begriff mit ein? Hinter welchen konkreten Titeln darf man das Verteidigungsministerium vermuten? Ist das Pentagon für Call of Duty verantwortlich, oder für Battlefield? Hat es Nathan Drake konzipiert, der gefühllos ganze Armeen auslöscht, oder gar Mario, der mit den Lebewesen, die ihm im Weg stehen, ebenfalls nicht gerade zimperlich umspringt?

Geben wir dem Herren, der mit Spielen nicht viel am Hut zu haben scheint, einmal einen Vertrauensvorschuss. Vielleicht arbeitet er nur die Rubikon Key-Words ab, denn das Pentagon zu involvieren hat in deren alternativen Berichterstattung noch nie einen Leser vergrault.

Wenn alte Männer über vermeintliche Jugendsachen sprechen, ohne sich entsprechen zu informieren. (Bild: 30 Rock/ NBC)

Dass das Pentagon Videospiele als Propaganda-Instrument benutzt, ist nämlich gar nicht so weit hergeholt. Das wohl berühmteste Beispiel ist der Shooter America’s Army, der vom US-Militär finanziert und entwickelt und seinerzeit stark kritisiert wurde, weil er offensichtlich als Rekrutierungswerkzeug dienen sollte. Immer wieder berichten Journalisten, unter anderem im Guardian, über fragwürdige Kooperationen zwischen Militär und Entwicklern, konkrete Spiele-Beispiele sind jedoch meist eher obskurer Natur. Dass das Militär in die gewaltige Spieleindustrie investiert, wie das auch in Hollywood geschieht, dürfte wohl niemanden überraschen (und sollte kritisch hinterfragt werden). Seine Thesen sollte man dann aber auch untermauern und mit Beispielen anreichern können – das immerhin versucht Hänsel bei seinen Behauptungen zum Standpunkt der Forschung:

“Obwohl die seriöse Medienwirkungsforschung bereits vor vielen Jahren letzte Zweifel beseitigen konnte und den abschließenden Beweis führte, dass das Spielen von gewalthaltigen Videospielen aggressivere, weniger mitfühlende Kinder hervorbringt – unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht oder kulturellem Hintergrund (3), ist es den Lobbyisten der Film- und Spiele-Industrie im Verbund mit Journalisten, Politikern und auch Wissenschaftlern im vergangenen Jahrzehnt gelungen, Eltern, Lehrer und Erzieher zu verunsichern, einerseits mit gezielten Falschaussagen und andererseits, indem sie solide Forschungsergebnisse in Frage stellen.”

Die letzten Zweifel sind beseitigt, an der Beweislage ist nicht zu rütteln, so Hänsel. Seine Quelle führt zu einem Buch mit dem Titel “Game Over!: Wie Killerspiele unsere Jugend zerstören” – geschrieben von, wer hat’s geahnt, einem gewissen Rudolf Hänsel. Der Herausgeber übrigens ist Jürgen Elsässer, der bekannte deutsche Rechtspopulist, Compact-Chef und Pegida-Sprecher, der allerlei rassistische, antisemitische und homophobe Positionen vertritt. Nach vier Kundenrezensionen, die einen Mangel an Fakten beklagen, steht das Werk, as als E-Book nicht erhältlich ist, derzeit bei einer Bewertung von einem Stern.

Beim Anblick eines derart billigen Covers würden wohl auch die größten Killer-Spieler lieber zum Jump’n’Run greifen.

Keine dieser Feststellungen beweist nun, dass es Hänsel bei seiner Recherche nicht gelungen ist, den Zusammenhang zwischen Killerspielen und Killer-Kindern herzustellen. Wäre die Beweislage aber so eindeutig, wie Hänsel behauptet, müsste man sie wohl kaum in einem dubiosen, von den Lesern zerrissenen Buch eines zweifelhaften Herausgebers verstecken, das zu allem Überfluss nur noch gebraucht zu erhalten ist. Das ist selbst für die härtesten Faktenchecker eine Geduldsprobe.

In Dave Grossman, einem US-amerikanischen Militärpsychologen, findet Hänsel schließlich wenigstens einen Advokaten, der internationale Anerkennung genießt. Seine Arbeit zum Thema Gewaltentstehung ist grundlegend. Das macht ihn aber nicht zum Killerspiel-Messias, der die Debatte ein für allemal beendet hat. Ganz im Gegenteil: Es gibt viele, die seinen Schlussfolgerungen respektvoll widersprechen und zahlreiche Studien, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Gewaltbereitschaft widerlegen.

Wir versuchen schon seit Jahrzehnten, Verbindungen zwischen Medien und gesellschaftlicher Gewalt zu finden,” meinte Christopher Ferguson von der Stetson University 2014 zu CBS. In seiner Studie, die im Journal of Communication veröffentlicht wurde, fand er keinen Zusammenhang zwischen Gewalt in Filmen und Videospielen und dem Auftreten von Gewalt seit dem frühen 20. Jahrhundert. “Wenn sie eine erhebliche Ursache von Problemen in der Gesellschaft wären, wüssten wir es mittlerweile. Doch die Beweise existieren einfach nicht.”

Mary Ellen O’Toole, eine ehemalige FBI-Profilerin, nennt gewaltsame Videospiele nur eine von vielen Risikovariablen, die sie bei der Einschätzung der Gewaltbereitschaft in Erwägung ziehen. Dass Videospiele Gewalt verursachen, denkt sie allerdings nicht.

Hänsel spricht von einer eindeutigen Beweislage – die Realität sieht anders aus. (Bild: Wikimedia Commons)

Karen Sternheimer, Soziologin an der University of Southern California, sieht Videospiele als bequemen Sündenbock, der komplexere Probleme in den Hintergrund rückt.

Das größte Problem mit Medieneffekt-Forschung ist, dass sie Gewalt zu dekontextualisieren versucht,” so Sternheimer. “Armut, die Instabilität der Nachbarschaft, Arbeitslosigkeit und sogar Familiengwalt bleiben auf der Strecke… Ironischerweise werden sogar psychische Erkrankungen bei dieser psychologisch orientierten Forschung oft übersehen.”

Dies sind nur drei Stimmen aus einem Stimmenmeer von Forschern und Kritikern, die Grossman und seinen Thesen vehement widersprechen würden. Aber da Hänsel ja bereits vorweg – und wie immer ohne schlagkräftige Quellen oder Beweise – klargemacht hat, dass “Lobbyisten der Film- und Spiele-Industrie im Verbund mit Journalisten, Politikern und auch Wissenschaftlern im vergangenen Jahrzehnt” hart daran gearbeitet haben, die ja so offensichtliche Beweislage in Frage zu stellen, wird er diese Stimmen eben im Netz der Propagandisten verorten.

Bei so viel Halbwarheiten und Falschinformationen hat man nach der Hälfte des Artikels beinahe vergessen, dass jener ja unter der Rubrik “Tiefer Staat” online gestellt wurde. Erst, als Hänsel die Nutznießer des Amoklaufes erwähnt, erinnern wir uns, dass wir noch immer bei Rubikon sind, nicht etwa Welt Online, wo reaktionäre Kolumnisten in Matussek-Manier auch gerne mal hysterisch an die Kinder denken. Hänsel spekuliert also abschließend, ob das FBI den Amoklauf nicht vielleicht bewusst geduldet hat, um Donald Trump unter Druck zu setzen, die Waffengesetze zu verschärfen. Immerhin: “Wegen der Ungeheuerlichkeit eines solchen Verbrechens empfand ich meinen Verdacht jedoch zu voreilig.”

Aber dann ist er eben doch so voreilig, den liberalen Konsens gegen Trump und pro Waffengesetze als Anlass zu sehen, den Amoklauf als ‘False Flag-Operation’ zu vermuten, auch wenn er das so nicht ausspricht: “Die weitere Entwicklung wird den geäußerten Anfangsverdacht des „cui bono?“ entweder bestätigen oder aber er muss verworfen werden.” Mein Anfangsverdacht, dass False Flag-Verschwörungstheorien im Rubikon immer ziehen, sogar gepaart mit einer beinahe niedlich-altmodischen Videospiel-Moralpanik , ist hiermit bestätigt.

 

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